Extreme Temperaturschwankungen beim Versand: Öl auf der PCB
Ölflecken auf der Platine: Warum frisch gelieferte Tastaturen manchmal “schwitzen”
Wer schon einmal eine frisch gelieferte mechanische Tastatur ausgepackt und dabei ölige Flecken auf der Platine (PCB) entdeckt hat, kennt den kurzen Schreckmoment. Ist der Switch kaputt? Hat da jemand gepfuscht? Die Antwort ist meistens banaler, als man denkt: Extreme Temperaturschwankungen während des Versands bringen das werkseitig aufgetragene Schmierfett (Factory Lube) dazu, sich zu verflüssigen, aus dem Switch-Gehäuse zu wandern und sich als kleine Öllache auf der Leiterplatte abzusetzen. Im Folgenden geht es um die physikalischen Hintergründe, ein paar konkrete Beispiele aus der Versandpraxis und handfeste Tipps zur Vorbeugung und Reinigung.
Was passiert physikalisch im Switch?
Werkseitig gefettete Switches, etwa von Gateron, Cherry oder Kailh, werden mit speziellen Schmierstoffen behandelt, meist auf Silikon- oder PTFE-Basis. Zweck der Übung: das Klickgeräusch dämpfen und die Stem-Bewegung geschmeidiger machen. Bei Raumtemperatur sind diese Fette zäh, teilweise fast fest.
Beim internationalen Versand, etwa per Luftfracht über klimatisch extreme Regionen oder per Lkw durch ungeheizte Lagerhallen, durchlaufen Pakete Temperaturen von unter -10 °C bis über 50 °C. Das bleibt nicht folgenlos:
- Viskositätsänderung: Bei Hitze wird das Fett dünnflüssiger und kann leichter aus den engen Spalten des Switch-Gehäuses austreten.
- Materialausdehnung: Kunststoffgehäuse (meist Nylon oder Polycarbonat) und Metallkontakte dehnen sich unterschiedlich stark aus. Dadurch entstehen winzige Mikrospalten, durch die Fett entweichen kann.
- Kondensation: Kühlt das Paket nach einer Hitzephase ab, kann sich im Gehäuse Feuchtigkeit bilden. Die verdünnt das Fett zusätzlich und verändert seine Oberflächenspannung.
- Kapillareffekt: Einmal verflüssigt, wandert das Fett durch Kapillarkräfte entlang der Switch-Pins direkt auf die Platine, fast wie Tinte, die ein Löschblatt hochkriecht.
Warum ist das besonders bei Übersee-Versand ein Problem?
Container auf Frachtschiffen oder in Flugzeugladeräumen sind so gut wie nie klimatisiert. Ein Paket aus einer Fabrik in Südostasien kann auf dem Weg nach Europa zum Beispiel:
- in einem aufgeheizten Container auf einem Hafengelände in Dubai locker 45 °C erreichen,
- anschließend in einem Frachtflugzeug bei -20 °C durchfrieren,
- und am Zielort in einem ungeheizten Lagerhaus noch einmal richtig Frost abbekommen.
Diese wiederholten Zyklen aus Erwärmung und Abkühlung wirken wie eine kleine Pumpe: Das Fett dehnt sich bei Hitze aus, zieht sich bei Kälte wieder zusammen und wird bei jedem Durchgang ein Stück weiter aus dem Switch gedrückt. Nach drei, vier solcher Zyklen ist der Effekt auf der Platine dann deutlich sichtbar.
Erkennungsmerkmale: Ist es wirklich Factory Lube?
Bevor man vorschnell reklamiert, lohnt sich ein genauer Blick:
- Farbe und Konsistenz: Factory Lube ist meist klar bis leicht milchig und zähflüssig. Flussmittelreste (Flux) dagegen sehen eher bräunlich und klebrig aus, fast wie eingetrockneter Honig.
- Lageort: Öl sammelt sich typischerweise direkt unter den Switch-Pins oder entlang der Lötpunkte, nicht wahllos über die ganze Platine verteilt.
- Geruch: Silikonbasierte Fette riechen so gut wie gar nicht, während verbrannter Flux einen leicht beißenden, fast scharfen Geruch hat.
Praktische Lösungen
Vor dem Versand (für Verkäufer und Hersteller):
- Thermisch stabilere Fette einsetzen, zum Beispiel hochviskose PTFE-Fette mit höherem Tropfpunkt.
- Verpackung mit isolierenden Materialien ausstatten, um Temperaturspitzen abzufedern.
- Zwischenlagerung an Umschlagspunkten möglichst klimakontrolliert organisieren.
Nach Erhalt (für Nutzer):
- Tastatur öffnen, Switches vorsichtig herausziehen.
- PCB mit 99-prozentigem Isopropylalkohol (IPA) und einem fusselfreien Tuch säubern.
- Switches auf Funktion prüfen. Ein leichtes Nachfetten mit hochwertigem Produkt, etwa Krytox 205g0 oder Tribosys 3203, zahlt sich oft aus.
- Bei starkem Ölaustritt: Switches komplett zerlegen, gründlich reinigen und neu schmieren.
Vorbeugung für die Zukunft
- Die Tastatur nach der Lieferung nicht direkt wieder extremen Temperaturen aussetzen, zum Beispiel nicht stundenlang im aufgeheizten Auto liegen lassen.
- Bei Bestellungen aus Übersee lieber Händler wählen, die nachweislich sorgfältig verpacken und auf Expresslieferung setzen.
- Bei neu gekauften Custom-Keyboards die Platine regelmäßig in Augenschein nehmen, gerade bei Gruppenkäufen (Group Buys) mit monatelanger Lieferzeit.
Fazit
Öl auf der Platine ist in den allermeisten Fällen kein Produktionsfehler, sondern schlicht die Folge extremer Temperaturschwankungen während des Transports. Hitze, Kälte und unterschiedliche Materialausdehnung drücken das werkseitig aufgetragene Schmierfett nach und nach aus dem Switch-Gehäuse, bis es sich auf der Leiterplatte absetzt. Mit einer gründlichen Reinigung, und bei Bedarf einer Nachschmierung, lässt sich das Problem normalerweise vollständig beheben. Die Switches selbst nehmen dabei in der Regel keinen bleibenden Schaden.